Stadtrat Bern
Interfraktionelle Interpellation: (AL/PdA/TIF, SP/JUSO, GB/JA)
Erstunterzeichnende: Matteo Micieli (PdA), Helin Genis (SP), David Böhner (AL), Barbara Keller (SP), Ronja Rennenkampf (JA), Anna Leissing (GB)
Fragen
Der Gemeinderat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:
- Erachtet der Gemeinderat die bestehenden rechtlichen Instrumente gegen Abriss auf Vorrat und spekulativen Leerstand als ausreichend? Falls ja, weshalb kommt es dennoch wiederholt zu vergleichbaren Fällen?
- Welche Lehren zieht der Gemeinderat aus den wiederkehrenden Konflikten (insb. drohender Abriss auf Vorrat und Verdrängung trotz unklarer Folgenutzung des jeweiligen Areals) rund um Freiräume und Zwischennutzungen in Bern – unter anderem im Zusammenhang mit dem Café Toujours und nun dem Tripity?
2.1
Was wird gegen diesen drohenden Verlust an niederschwelliger, unbezahlter Kultur- und Jugendarbeit konkret getan, wie es das Tripity seit Jahren leistet?
2.2
Welche Strategien gibt es, um dies zu ersetzen oder zu schützen?
Begründung
Dem vom Tripity-Kollektiv genutzten Gebäude an der Weissensteinstrasse 4/4a droht der Abriss. Nachdem sie das Haus seit über fünf Jahren zu einem wichtigen Ort für unkommerzielle Veranstaltungen, kulturelle und gemeinschaftliche Nutzung gemacht haben, droht ihnen nun die Verdrängung. Gemäss Publikation vom 09. Mai 2026 wurde einerseits ein Abbruchgesuch und andererseits lediglich ein generelles Baugesuch eingereicht. Damit droht ein klassischer «Abriss auf Vorrat»: Das bestehende Gebäude soll verschwinden, obwohl zentrale Fragen zur konkreten zukünftigen Nutzung, Umsetzung und zeitlichen Realisierung weiterhin offen sind. Es besteht also die Gefahr, dass das bestehende und intensiv genutzte Gebäude abgerissen wird, ohne dass eine zukünftige Nutzung geklärt ist, konkrete Interessent*innen für das Bauvorhaben gefunden wurden und mit einem tatsächlichen Neubau dann auch zeitnah begonnen wird.
Das Tripity hat das Gebäude während mehr als fünf Jahren zu einem niederschwelligen und vielfältigen Ort unkommerzieller Kultur, Begegnung und gemeinschaftlicher Nutzung gemacht. Entstanden sind Theaterprojekte, Modeshows, Quartierfeste, Flohmärkte, Ateliers, Konzerten und Austauschplattformen für FLINTA- und BPoC Künstler*innen wie das tripyLAB. Ein Abriss auf Vorrat würde dem allem ein frühzeitiges Ende setzen und würde somit für die Stadt den Verlust eines wichtigen kulturellen Treffpunkts bedeuten.
Ohne klare Perspektive einen solchen Ort zu zerstören, wirft grundlegende Fragen nach einer verantwortungsvollen Stadt-, Boden- und auch Kulturpolitik auf. Denn gerade in einer Stadt, in der niederschwellige und nicht-kommerzielle Freiräume zunehmend verschwinden, kommt solchen Orten eine wichtige soziale und kulturpolitische Funktion zu. Bereits vor einem Jahr hielt der Gemeinderat in einer Interpellation fest, dass er «Abriss auf Vorrat» im Grundsatz nicht befürworte. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung von Zwischennutzungen und selbstverwalteten Freiräumen für eine vielfältige
Stadtentwicklung.1
Umso mehr stellt sich die Frage, wie diese Grundsätze konkret umgesetzt werden, wenn funktionierende kulturelle und soziale Räume trotz unklarer Folgenutzung verschwinden sollen. Aktuell sind in Bern mehrere solcher alternativen Wohn- und Kulturorte bedroht, nebst dem Tripity etwa auch das Café Toujours oder etwa die Anstadt. Aus unterschiedlichsten Gründen stehen Orte, die insbesondere jungen Menschen Freiraum bieten, um eigene Projekte zu entwickeln, Räume kollektiv mitzugestalten und sich gesellschaftlich einzubringen immer stärker unter Druck. Der Erhalt solcher Orte ist deshalb nicht zuletzt auch eine jugend-, kultur- und gesellschaftspolitische Aufgabe.
Unnötige Brachen, Leerstand und Abriss auf Vorrat sind aus Sicht der Interpellant*innen nicht mit den Zielen dieser Stadt in Einklang zu bringen. Auch aus kulturpolitischer Sicht ist es unserer Meinung nach problematisch, einen der wenigen niederschwelligen Orte, der jungen, marginalisierten Kulturschaffenden Raum bietet, zu experimentieren, sich auszudrücken und zu entwickeln durch ein solches Vorgehen zu verdrängen. Diese Räume werden immer wie wichtiger in der Stadt Bern und müssen deshalb so lange wie möglich erhalten bleiben.
Für die Interpellant*innen ist klar: wir müssen uns in der Stadt Bern grundsätzlich die Frage stellen, wie wir mit solchen und anderen Freiräumen umgehen wollen.