«Abriss auf Vorrat» an der Weissensteinstrasse 4/4a – die Stadt Bern und Freiräume, Kultur und nachhaltige Stadtentwicklung

Stadtrat Bern
Interfraktionelle Interpellation: (AL/PdA/TIF, SP/JUSO, GB/JA)
Erstunterzeichnende: Matteo Micieli (PdA), Helin Genis (SP), David Böhner (AL), Barbara Keller (SP), Anna Jegher (JA), Anna Leissing (GB)

Fragen
Der Gemeinderat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:

  1. Teilt der Gemeinderat die Einschätzung, dass es sich beim Vorgehen an der Weissensteinstrasse 4/4a faktisch um einen „Abriss auf Vorrat“ handelt, da zwar ein Abbruchgesuch, aber noch kein konkret ausgereiftes und zeitnah realisierbares Neubaugesuch vorliegt?
  2. Der Gemeinderat hielt im Zusammenhang mit der Interpellation zur Freiburgstrasse 1311 fest, dass er «Abriss auf Vorrat» grundsätzlich nicht befürworte. Welche konkreten Konsequenzen ergeben sich aus dieser Haltung im vorliegenden Fall?
  3. Wie beurteilt der Gemeinderat den Verlust des Tripity aus kultur-, sozial- und quartierpolitischer Sicht?
  4. Falls ein zeitnaher Neubau nicht sichergestellt werden kann: Welche Möglichkeiten sieht der Gemeinderat, um eine kulturelle oder soziale Zwischennutzung des Areals weiterhin sicherzustellen?
    4.1 Wird bei der Beurteilung des Gesuches berücksichtigt, ob ein allfälliger Neubau tatsächlich zeitnah realisiert werden kann oder ob nach dem Abriss jahrelanger Leerstand bzw. eine Brache droht?

Begründung
Dem vom Tripity-Kollektiv genutzten Gebäude an der Weissensteinstrasse 4/4a droht der Abriss. Nachdem sie das Haus seit über fünf Jahren zu einem wichtigen Ort für unkommerzielle Veranstaltungen, kulturelle und gemeinschaftliche Nutzung gemacht haben, droht ihnen nun die Verdrängung. Gemäss Publikation vom 09. Mai 2026 wurde einerseits ein Abbruchgesuch und andererseits lediglich ein generelles Baugesuch eingereicht. Damit droht ein klassischer «Abriss auf Vorrat»: Das bestehende Gebäude soll verschwinden, obwohl zentrale Fragen zur konkreten zukünftigen Nutzung, Umsetzung und zeitlichen Realisierung weiterhin offen sind. Es besteht also die Gefahr, dass das bestehende und intensiv genutzte Gebäude abgerissen wird, ohne dass eine zukünftige Nutzung geklärt ist, konkrete Interessent*innen für das Bauvorhaben gefunden wurden und mit einem tatsächlichen Neubau dann auch zeitnah begonnen wird.

Das Tripity hat das Gebäude während mehr als fünf Jahren zu einem niederschwelligen und vielfältigen Ort unkommerzieller Kultur, Begegnung und gemeinschaftlicher Nutzung
gemacht. Entstanden sind Theaterprojekte, Modeshows, Quartierfeste, Flohmärkte, Ateliers, Konzerten und Austauschplattformen für FLINTA- und BPoC Künstler*innen wie das tripyLAB. Ein Abriss auf Vorrat würde dem allem ein frühzeitiges Ende setzen und würde somit für die Stadt den Verlust eines wichtigen kulturellen Treffpunkts bedeuten. Ohne klare Perspektive einen solchen Ort zu zerstören, wirft grundlegende Fragen nach einer verantwortungsvollen Stadt-, Boden- und auch Kulturpolitik auf. Denn gerade in einer Stadt, in der niederschwellige und nicht-kommerzielle Freiräume zunehmend verschwinden, kommt solchen Orten eine wichtige soziale und kulturpolitische Funktion zu. Bereits vor einem Jahr hielt der Gemeinderat in einer Interpellation fest, dass er «Abriss auf Vorrat» im Grundsatz nicht befürworte. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung von Zwischennutzungen und selbstverwalteten Freiräumen für eine vielfältige Stadtentwicklung.2

Umso mehr stellt sich die Frage, wie diese Grundsätze konkret umgesetzt werden, wenn funktionierende kulturelle und soziale Räume trotz unklarer Folgenutzung verschwinden sollen. Aktuell sind in Bern mehrere solcher alternativen Wohn- und Kulturorte bedroht, nebst dem Tripity etwa auch das Café Toujours oder etwa die Anstadt. Aus unterschiedlichsten Gründen stehen Orte, die insbesondere jungen Menschen Freiraum bieten, um eigene Projekte zu entwickeln, Räume kollektiv mitzugestalten und sich gesellschaftlich einzubringen immer stärker unter Druck. Der Erhalt solcher Orte ist deshalb nicht zuletzt auch eine jugend-, kultur- und gesellschaftspolitische Aufgabe.

Unnötige Brachen, Leerstand und Abriss auf Vorrat sind aus Sicht der Interpellant*innen nicht mit den Zielen dieser Stadt in Einklang zu bringen. Auch aus kulturpolitischer Sicht
ist es unserer Meinung nach problematisch, einen der wenigen niederschwelligen Orte, der jungen, marginalisierten Kulturschaffenden Raum bietet, zu experimentieren, sich auszudrücken und zu entwickeln durch ein solches Vorgehen zu verdrängen. Diese Räume werden immer wie wichtiger in der Stadt Bern und müssen deshalb so lange wie möglich erhalten bleiben.

Für die Interpellant*innen ist klar: wir müssen uns in der Stadt Bern grundsätzlich die Frage stellen, wie wir mit solchen und anderen Freiräumen umgehen wollen.

Dringlichkeit
Da derzeit ein konkretes Abbruchgesuch und ein generelles Baugesuch (veröffentlicht am 09. Mai 2026) hängig sind und damit irreversible Tatsachen geschaffen werden könnten, ist für die vorliegende Interpellation die dringliche Behandlung notwendig. Eine ordentliche Behandlung würde die politische Diskussion über den Umgang mit solchen Freiräumen erheblich entwerten, zumal das Thema sehr aktuell und von öffentlichem Interesse ist.

Bern, 28.05.2026

1 Geschäft Interpellation: Abriss auf Vorrat an der Freiburgstrasse – Umgang mit Leerstand vom 22.05.2025
2 Ebd.