Jedem Kind ein Instrument! Entgegnung der PdA Bern auf die Antwort des Gemeinderats

Motion Rolf Zbinden (PdA): Jedem Kind ein Instrument
Entgegnung der PdA Bern auf die Antwort des Gemeinderats, 23.9.2010

Selten waren wir uns in einer Sache so einig: der Gemeinderat und ich. Was die „positive Bedeutung aktiven Musizierens für die Persönlichkeitsentwicklung“ anbelangt, verdanken wir die Argumente gegenseitig. Da können wir uns schier nicht mehr überbieten. Und doch will keine Freude aufkommen. Wie ernst es dem Gemeinderat mit seiner Begeisterung für das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ ist, ist aus seiner Antwort leider nur bedingt zu erfahren. Dass er den Pilotversuch der Musikschule Konservatorium in Bern West „mit Interesse verfolgt“, glauben wir ihm ja gerne – etwas Anderes hätte uns dann doch sehr erstaunt. So verbindlich tönt das aber auch wieder nicht, dass wir mit ruhigem Gewissen unsere Motion in ein Postulat wandeln könnten.

Wo stehen wir denn mit unserem Anliegen? Sicher nicht im politischen Niemandsland, können wir doch anknüpfen an das Postulat „Förderung der Freizeitbeschäftigung von Kindern“ von CVP/GFL vom 15. November 2007, in dem der Gemeinderat zur Erstellung eines Berichts aufgefordert wird, in dem „Vorschläge gemacht werden, wie erreicht werden kann, dass möglichst alle Schulkinder (insbesondere auch 1. – 6. Klasse) einer geführten, bezahlbaren und sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen können.“ In Bericht des Gemeinderats zum am 19. Juni 2008 erheblich erklärten Postulat können wir lesen: „Musik könnte noch stärker in den Dienst der Bildung in der Schule gestellt werden. Durch das Musizieren in Klassen beispielsweise würde der Einstieg in den Instrumentalunterricht für alle Kinder ohne Unterschiede der sozialen Herkunft erleichtert.“ So ist es.

Wenn der Gemeinderat wirklich glaubt, was er schreibt – besser: wenn er vom Wert des aktiven Musizierens wirklich überzeugt ist, dann kann er sich unserem Anliegen, unseren Vorschlägen schlicht nicht entziehen. Wenn wir aber heute dem Antrag des Gemeinderats folgen, riskieren wir klar, ein Projekt in den Sand zu setzen, das in seiner Nachhaltigkeit einzigartig und in seiner Integrationskraft vorbildlich sein kann. Wer hat denn Angst davor, dass schulische Bildung eine pure Lust sein kann? Hätte ich die Möglichkeit, für eine Stadt Standortfaktoren zu gewichten, ich wäre um eine Antwort nicht verlegen.

Der Widerspruch ist eklatant: Im Alltag der Jugendlichen ist die Musik omnipräsent, Musik ist das eigentliche Leitmedium in der Jugendkultur, Musik ist in allen Ohren – und doch ist das Musizieren nach wie vor eine äusserst exklusive Angelegenheit. Es herrscht faktisch ein Numerus clausus, über den aber selten öffentlich diskutiert und gestritten wird, weil er als selbstverständlich hingenommen wird – weil er doch so schön selbstverständlich über das Portemonnaie läuft. Instrumentalunterricht als Teil der Hochkultur: So sind wir es ja gewohnt. Und Hochkultur ist exklusiv – gerade auch sozial. Die Motion „Jedem Kind ein Instrument“ eröffnet eine Perspektive, um die Gleichheit der Chancen in einem Bereich der Bildung zu verbessern, dessen Bedeutung von keiner Seite bestritten wird.

Wer sich die Mühe gemacht hat, zumindest die drei Antragspunkte der Motion sorgfältig zu lesen, wird gemerkt haben, dass es sich hier nicht um ein „Instrumente-her-aber-subito!“ handelt. Die Motion fordert klar und präzise eine Weiterentwicklung des Konsi-Projekts mit einer Perspektive, die seinem Anspruch entspricht: „Jedes Kind macht Musik“. Mit einer Zustimmung zur Motion werden wir erst an einem Anfang stehen: Wir öffnen uns eine Tür und begeben uns dann auf einen Weg, der Einfallsreichtum, Kreativität, Experimentierlust fordert – und fördert. Wir verlassen damit das Jammertal der Defizite und bauen auf die Potenziale, Ressourcen, Energien der Kinder und Jugendlichen. Wenn das blauäugig, naiv, utopisch sein soll, dann muss ich mich allerdings fragen, worin denn der Sinn von politischem Engagement für heute, morgen und übermorgen noch liegen kann.

Die musikpädagogische Initiative „Jedem Kind ein Instrument“ für das Ruhrgebiet hat in den vergangenen Jahren Pionierarbeit geleistet: Im krisengeprüften Revier hat man sich ein hohes Ziel gesteckt. Bis Ende dieses Jahres „sollen alle Erstklässler der gesamten Region die Möglichkeit erhalten, ein Musikinstrument zu erlernen.“ Da werden gegenwärtig Erfahrungen gemacht, da wimmelt es von Piloten, da gibt es Angebote, Widerstände und Lösungen – und wir brauchen nur zuzuhören, auszuwerten, zu profitieren. So könnte sich über kurze Distanzen ein Erfahrungs- und Wissenstransfer entwickeln, der sich angenehm von den bis zum Überdruss bekannten Kontakten auf Event- und PR-Ebene unterscheiden würde.

Mit dieser Motion ist nichts einfach so delegiert, abgeschoben und erledigt. Die Umsetzung erfordert von vielen Seiten Engagement. „Jedem Kind ein Instrument“ – davon sind viele betroffen, damit sind viele gefordert, viele werden damit herausgefordert, ihre eigenen Erfahrungen, Ressourcen, ihr eigenes Wissen einzubringen. Wer bezweifelt, dass dieses Projekt die Musikschule Konservatorium beflügeln wird? Wer glaubt denn, dass „Jedem Kind ein Instrument“ die Hochschule der Künste kalt lässt, die Pädagogische Hochschule, die Studierenden? Wer meint denn eigentlich wirklich, dass es sich die Burgergemeinde leisten kann, eine solche kulturelle Initiative zu ignorieren? Was glauben Sie denn, wer noch so gerne bei der Ausstattung mit Instrumenten helfen wird? Wie viele Geigen auf dem Estrich warten nur darauf, wieder gestrichen zu werden! Ich will gar nicht reden von einer Charmeoffensive des Symphonieorchesters und vom Erfindungsreichtum der Musikszene.

Wir können heute mehr als ein Zeichen setzen. Wir könne konkret einen Anstoss geben, die musikalische Bildung – die aktive Gestaltung des Reichs der Musik – von den sozialen Schranken zu entlasten, die gerade in diesem Bereich jeder Chancengleichheit spotten. Wir haben die Chance, einen kreativen Prozess anzuschieben, der von vielen Seiten belebt werden wird. Wir haben es hier, jetzt in der Hand, die Musik, das Musizieren als Lebens- und Ausdrucksform – gerade auch der nachwachsenden Generationen – ernst zu nehmen. Wir haben die Chance, Worten Taten folgen zu lassen.

Rolf Zbinden, PdA Bern, 23.9.2010

Abstimmungsergebnis: Ja: 37 / Nein: 27 / Enth.: 1